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Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft
Vorläufiges zur Dynamik der Anpassung:
Alexander Mitscherlich, Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft
(1963) hier: R. Piper, München 1996


Der mensch kommt ungebildet und unkultiviert zur welt. Er ist - wie der biologe in anlehnung an tierische verhaltensweisen sagt - ein extremer nesthocker , das heisst, sein reifungszustand bei der geburt ist sehr weit vom reifungsziel entfernt ....
Es ist unbekannt, wie viele menschliche verhaltensweisen angeboren sind. Sicher ist nur eines, dass sie bei weitem nicht ausreichen, unser leben unter unseresgleichen zu regeln. Die eigentlichen regulative unseres verhaltens, der kodex des benehmens, werden langsam erlernt. Angeborene begabungen und erworbene fähigkeiten spielen dabei ineinander

Denn: `Darwins anpassung ist ihrem wesen nach nicht fortschrittliche veränderung, sondern vielmehr ein dynamischer weg zur aufrechterhaltung des status quo .' .... Wenn dagegen ein mensch jeder schwankung politischer machtverhältnisse folgt und dabei ohne gewissenseinspruch bisherige freunde aufgibt, ist dies zwar anpassungsgewandt, wohl auch vom standpunkt der verteidiger der macht her gesehen eine positive, von der verlässlichkeit als tugend aus eine schlechte eigenschaft

.... wir sind endgültig spezialisten der unvollkommenheit . Der mensch kommt nicht mit erbgenetisch verankertem verhalten auf die welt, das ihn in allen entscheidenden fragen des lebens definitiv einer umwelt zuordnet, sondern, wie wir eingangs sagten, ungebildet und unkultiviert. Er ist ein neuling in jeder seiner kulturen. Das ist vorerst ein naturgeschichtliches faktum

Anpassung und Einsicht: Stufen der Bildung
....
Jede gruppe legt ihren mitgliedern verzichte auf. `Verzichten müssen' macht feindselig. Feindseligkeit stört den inneren zusammenhalt der gruppe. Um nicht zu neuen verzichten zwingen zu müssen, eröffnen die gruppen dem einzelnen wege, auf denen er seine feindseligkeit ausagieren darf [
siehe vertiefend hier]

Schon wegen der ausserordentlichen gefahr der täuschungsmöglichkeiten - vor allem über sich selbst - kann bildung im menschlichen leben nie abgeschlossen sein. Es gibt eine abgeschlossene schulbildung, aber es gibt keine abgeschlossene bildung und selbsterziehung. Der gebildete ist als ein mensch zu charakterisieren, der seine jugendliche ansprechbarkeit auf neues und unbekanntes behalten hat. Er ist auf der suche nach wissen und nach den methoden, erfahrung zu prüfen. .... Alles dogmatisch gewisse ist das ende der bildung (davon werden wir auch die religiöse bildung nicht ausnehmen). Der bildungsphilister ist so ungebildet wie der, der gar nichts weiss
cf hier
und hier

Betrachtet man diese einschüchterung des einzelnen bei seinen versuchen, den dingen, vor allem den sakrosankten selbstverständlichkeiten in der eigenen familie, im eigenen stand, in der politik und so weiter auf die spur zu kommen, so kann man sich nicht einem eindruck verschließen: Es gibt offenbar sehr viel mehr menschen, die durch früh übernommene vorurteile in ihren neigungen zerstört und in ihrer natürlichen neugier, in ihrem suchen nicht angesprochen oder gar niedergeschrien wurden, als von der anlage her unbegabte und unbewegliche

Die passive anpassung zur konformität wird meist mit wenig einfühlung in die eigenwelt des anderen erzwungen, in die individuelle variante und ihre probierenden versuche, sich zu entfalten. Erziehung ist unendlich öfter terror als führung zur selbständigkeit. Die unüberschaubare vielschichtigkeit und widersprüchlichkeit der gegenwärtigen großgesellschaften wird in der öffentlichen meinung kunstvoll verdeckt und verniedlicht. Die öffentliche meinung gibt sich aufgeklärt, aber in wahrheit übt sie eine andere funktion aus (wie seit je): über die abgründe, das heisst über widersprüche, unkenntnis, das sinnlose vieler anstrengungen hinwegzutäuschen, aber doch zugleich so viel angst zu erwecken, dass sich das individuum zur masse hält

Alte freiheitsideale werden uns nicht beschützen, wenn wir sie nicht neu an der wirklichkeit erproben. `Freiheit' ist ein stück der wahrheit, auch sie haben wir nicht für immer und nicht als gewissheit; wir müssen sie mit viel eingeständnis und überwindung von angst neu erfahren, um sie verteidigen zu können

Es lässt sich jetzt schon voraussehen, dass viele mitglieder unserer gesellschaft nicht für die religiöse glaubensgewissheit und viele andere nicht für die besitzordnung auf die barrikaden steigen, um so weniger als die machtkämpfe, von denen hier die rede ist, ganz im gegensatz zur öffentlichen meinung in wirklichkeit nicht durch drohgebärden und kriegerische auseinandersetzungen, sondern vielmehr durch angleichung administrativer praktiken, durch werbefeldzüge und sprach- beziehungsweise symbolkorruption (zum beispiel des wortes `freiheit' oder `frieden' oder `partei' und `parlament') entschieden werden.
Es wäre doch unrealistisch, um nicht zu sagen töricht, nun zu glauben, man könne vom mann auf der straße, der weder hungert noch friert, weder um seine altersversorgung bangt noch auf die nutzung seiner begabungen verzichten muss, sondern in maßen am überfluss teilhat, verlangen, rot für rot zu erklären, wenn seine gesellschaft gebietet, dass er rot grün nenne. Es muss schon ein entschlossener wahrheitskämpfer sein, der einer konvention um den preis des verlustes von brot und stellung entgegentritt; und die konvention muss schon drückend sein, damit er anderen mit seiner opposition mut macht. Aber müssen denn die konventionen für das identitätsgefühl des sozial geborgenen einzelnen in den überflussgesellschaften drückend sein? Welcher hunger wird hier und welcher dort trotzdem ungestillt bleiben?

Die pädagogische absicht dieses buches ist es, dem antipsychologischen affekt in unserer sozialbildung entgegenzuarbeiten. Unsere prämisse beruht darauf, dass nur die stärkung wachen, kritischen denkens das erlöschen der europäischen tradition verhindern kann. Diese tradition verlangt seit den anfängen der aufklärung selbstverantwortung neben dem kollektiven gehorsam - ehrfurchtsloses fragen angesichts von tabus, welche fragwürdige herrschaftsansprüche sichern

Das wichtigste kennzeichen der bildung ist demnach folgendes. Gebildet ist ein mensch, der in affekterregenden lebenslagen über eine einigermaßen beständige selbstsicherheit im umgang mit den eigenen triebregungen verfügt

Der mangel an erbgenetisch festgelegten auslösungen für ein artspezifisches verhalten wird durch gruppenspezifisch erworbene verhaltensweisen ersetzt

Der Instinkt reicht nicht aus - die Evolution zum Bewusstsein
....
Die bedeutung der verhaltensrollen und der attribute der rollenmarkierung als leitlinien für das identitätserlebnis und als aufbaustoffe der selbstgefühle kann kaum überschätzt werden

Bestechung mit besitz oder macht, die innerhalb der gruppe rang und prestige geben, verleiht der verführung nachdruck. Schon dass man die tatsächlich etwas gruppenunabhängigere existenz gern als aussenseiter, bohemien, diogenesnatur, asket, also mit zügen einer zweifelhaften vereinsamung beschreibt, verweist auf die schwierigkeiten, denen sich das individuum gegenübersieht. Zunächst muss immer, wo von individualismus und individueller freiheit die rede ist, geklärt werden, ob es sich nicht um ein produkt der selbsttäuschung , des falschen bewusstseins handelt

Denn im regelfall ist das individuum erschöpfend charakterisiert, wenn man die gruppen kennt, deren schnittpunkt es ist. Dem vorwurf solcher `niederziehenden' kritik setzt sich niemand gerne aus, denn die machtmittel kollektiver ächtung haben auch in der moderne nichts an gefährlichkeit verloren. Trotzdem bleibt es dabei, dass das ich seine fragile leistung nur dann - letztlich für eine gesellschaft von etwas freierem geist - vollbringen kann, wenn ihm nicht nur die kritik der tatbestände erlaubt ist, sondern auch die der tabus, die nichts weniger wollen, als ihm vorschreiben, wie es sich zu verstehen habe

Der soziale rollenzwang ist wie der informationszwang (lernzwang) eine an die erweiterung der lernfähigkeit gebundene kompensation fehlender angeborener arteigentümlicher verhaltensschemata. Diese schemata sind, soweit sie sich auf das soziale verhalten beziehen, wie erwähnt, in der tierwelt erblich besonders starr fixiert

Für die normale entwicklung des kindes sind beziehungspersonen von konstantem aspekt gefordert.
Verfremden sie sich periodisch unter bestimmten reizsituationen, so wird das kind eben jene gespaltenheit als identifikationsangebot übernehmen müssen

Verglichen etwa mit den dörflichen verhältnissen, von denen man, ohne sie zu beschönigen, sagen kann, dass sie durch jahrtausende eine relativ konstante umwelt boten, ist der aktionsraum des bekannten und gefühlshaft vertrauten für das stadtkind wesentlich geschrumpft. Die ausweichmöglichkeiten auf mitglieder der weiteren familie sind geringer. Mit anderen worten, die ganze ambivalente gefühlsspannung des kindes konzentriert sich überwiegend auf die mutter, die sich dadurch oft überfordert fühlt und ihrerseits ambivalenter dem kind gegenüber wird. Zudem ist kinder zu haben eine unterbrechung der arbeitstätigkeit, eine schwächung der wirtschaftskraft der familie und bringt die mutter wieder in größere finanzielle abhängigkeit

Das veranlasst zu dem schluss, dass die möglichkeit zur entwicklung des spezifischen affektiven sozialkontaktes, den wir mit den worten `liebe zur mutter' umschreiben, nur in einer beschränkten, definierbaren periode besteht. Die erfüllung der bedürfnisse, die sich mit der gestalt der mutter verbindet, muss in den erfahrungen dieses lebensabschnittes gegeben sein; Harlow meint dabei für den Rhesusaffen die zeit zwischen erstem und viertem, für den menschen die spanne zwischen drittem und zwölftem lebensmonat. Danach ist eine prägung, wie sie zuerst Konrad Lorenz in seinen versuchen mit enten gezeigt hat, in dieser richtung nicht mehr möglich. `Hat das kind in dieser zeit nicht zu lieben gelernt, so wird es niemals lieben können.'

Wer nicht die erfahrung des vertrauens sammeln konnte, dem gelingt es offenbar nur schwer, sich selbst über die entwicklungskrisen hinweg immer deutlicher als identisches wesen zu begreifen

Die affen, die unter menschenähnlichen bedingungen insofern aufwachsen, als ihnen ein verlust der mutter zustösst, den sie in ihrer umwelt nicht überleben würden, oder die auf eine mutterattrappe angewiesen sind, die in etwa einer ihrem kind entfremdeten menschenmutter gleichgesetzt werden kann - diese affen enwickeln im späteren leben seelische reaktionsdefekte, die menschlichen aufs haar gleichen. Wir müssen hinzufügen, dass diese defekte beim menschen durch die spezifischen ichleistungen, etwa durch einsicht, nicht korrigiert werden können. Diesen verödungen gegenüber ist einsicht machtlos. .... Harlows rhesusaffen sind inzwischen, wie er unlängst mitteilte, zu physisch voll gereiften tieren in bestem zustand herangewachsen. Aber trotzdem zeigen sie keinerlei neigung zu einem paarungsverhalten. .... Harlow nimmt an, dass es sich dabei um einen folgezustand der mutterlosigkeit handelt. `Auf irgendeinem uns noch unbekannten weg übermittelt die mutter dem kind die fähigkeit zu normalem geschlechtsverhalten.'
Aber mehr noch: Es gelang Harlow (1961), ein mutterlos im drahtkäfig und mehrere mit attrappen [der mutter] aufgezogene weibchen schließlich zur paarung zu bringen; wenn auch ihr verhalten nicht dem wilder affen glich, so wurden sie doch trächtig. Zwei der tiere gebaren junge. Sowohl das ganz mutterlos aufgewachsene tier wie das mit einer stoffattrappe aufgezogene verhielten sich `völlig teilnahmslos' beziehungsweise `reagierten überhaupt nicht auf ihr neugeborenes kind, obwohl das kind normal auf sie reagierte'. Sie sahen nie auf das kind, `sondern starrten ins leere'. Die mutterlos aufgewachsene mutter `wischte das kind von ihrem bauch oder rücken ab in derselben gleichgültigen art, mit der sie fliegen abwischen würde.' `Ihr verhalten zeigte eine auffallende ähnlichkeit mit dem eines völlig affektlosen schizophrenen menschen.'

Man sagt etwa, es sei einem menschen nicht gegeben, zärtlich zu sein; es wurde ihm aber nicht von der natur, sondern von der mitwelt nicht gegeben. ....
Es scheint, wie bei den mutterlosen affen des experiments, kollektive charakterprägungen zu geben, die fühllos und unzugänglich für das erlebnis großer bereiche der sozialen wirklichkeit machen. Der affektive appell, der von ideologisch markierten gruppen von mitmenschen[,] etwa von missachteten minoritäten kommt, erreicht dann das individuum nicht mehr; ihrer not gegenüber verhält es sich wahrnehmungsblind

``Kurz gesagt, der viktorianische mensch sah die sexualität nicht sosehr als sünde, sondern als etwas bestialisches, verachtenswürdiges an.'' Nun, diese verachtung ist abgeklungen; sie hat in den roaring twenties ihren gegenschlag in hektischer geschlechtsanarchie gefunden und ist teils zu einer kleinbürgerlichen moralität, teils zu einer auffassung verlaufen, in der geschlechtsgenuss nahe dem genuss anderer konsumgüter rangiert, weder poetisch verklärt noch gewissensbelastet, einfach langweilig

Das neurotische elend unserer zeit liegt in der präokkupation mit geld und sexualität. Das anale besitzstreben kompensiert die sexuelle versagung; andererseits sichert der besitz den genuss der `schlechten' frauen

Mit zunehmender vereinzelung der lebensformen ist der schutz gegen die individuell neurotischen einflüsse nicht gewährleistet, weil jetzt die sicherung durch kollektive handlungsanweisungen fehlt. Das korrektiv der vereinzelung sind zunehmend die wissenschaftlichen ansschauungen und ihre verbreitung .... Da es ein irrtum ist, die gesellschaftliche vereinzelung unserer zivilisation einfach mit individualisierung im sinne einer verstärkung der ichfunktionen im zusammenspiel mit den triebregungen gleichzusetzen, ist die lage kritischer als in den zeiten geschlossener sippen-, stammes- und provinzialkulturen

Von der Hinfälligkeit der Moralen
....
Manche erziehungsformen wirken offenbar toxisch

Mit dem wort identität ist also zugleich die fertigkeit gemeint, sich durch integration neuer erfahrungen wandeln zu können

Ein solches training zu triebaufschub, zur askese verschiedener härte - und das ist kultur - ist für ein alleinlebendes wesen undenkbar, weil es unnötig wäre. Erst die notwendigkeit, mit anderen teilen zu müssen, fordert den verzicht; aber nur dort kann mit dem verzicht ein sinn verknüpft, kann verzicht selbst befriedigend erlebt werden, wo die mitwelt bedeutung für den einzelnen hat, oder sagen wir unverhohlen: wo er grund hat, diesen und jenen menschen zu lieben

Die vorherrschaft des lieblosen gewaltdenkens gehört vielmehr zu einer umwelt, in der die deckung vitaler grundbedürfnisse schwerfällt und periodisch oder dauernd materielle armut die große menge drückt. Armut ist das produkt einer begrenzten kulturentwicklung

In sozialformen, die auf magischem denken beruhen, wird der triebanteil im verhalten traditionell ritualisiert und eingefangen. Die techniken der einübung geschehen in einem relativ gleichbleibenden bezugsrahmen. Wie verhält sich das in der technisierten, zweckrationalisierten massengesellschaft, die scharf trennt zwischen einem alltagsleben, dessen instrumentarium voraussehbar funktioniert, und einem `privatleben' emotionell bestimmter entscheidungen, die sich zwar auch in der spielbreite einer vorauserwartung bewegen sollen, für die aber die sinnorientierung schwer zu finden ist? Ihre inhalte sind weitgehend herübergenommen aus historischen traditionen der magischen orientierung

Die gesamtkonzeption der herrschenden moral ist tief durchdrungen von der (weitgehend unbewusst bleibenden) absicht, bestehende gewaltprivilegien den anschein der rechtmäßigkeit zu verleihen. Von der kritischen vernunft her betrachtet, nimmt sich die moralität, wie sie getätigt wird, höchst atavistisch aus; der einzelne fragwürdige vorstoß, die schlichte gemeinheit, die einer begeht, findet ihn wohl vorbereitet, er verfügt über eine gute abwehrroutine gegen schlechtes gewissen und kann sich dabei auf die doppelmoral berufen, wie sie gang und gäbe ist ....
Ein langsam historisch werdendes beispiel beispiel wird dabei nur zu leicht vergessen: der faule arbeiter. Der arbeiter muss faul und dumm sein, sonst könnte die ausbeutung gegen ihn nicht so gewissenlos, gewissensbefreit vor sich gehen. Und sekundär bleibt dem arbeiter auch kein anderer weg offen, als wirklich `faul', das heisst interesselos zu werden, weil er ausgebeutet wird

Die zahl der menschen, die konstitutionell den kulturanforderungen nicht gewachsen sind, scheint ungleich geringer als die jener, die aus ihrem sozialschicksal heraus liebesunfähig wurden

Das nichtsozialisierte ist dann aber .... keineswegs das `natürliche' an ihm, sondern das unter den kulturzwängen entstellte.
Triebverleugnung, wie sie weitgehend in unserer moral erzwungen wird, ist auch nicht identisch mit den kulturnotwendigen triebverzichten. `Verleugnung' im sinne des `nicht sein kann, was nicht sein darf' ist ein infantiler modus des umgangs mit der welt. In den moralen, wie sie in unseren breiten gelebt werden, wird der mensch psychisch infantil gehalten, um ihm den schweren verzicht leichter abfordern zu können. Es ist mehr als zweifelhaft, ob die menschheit bei dieser moral die krisen der zukunft meistern wird. Sie ist zu sehr an den zwang zur bösen tat gekettet. Wir werden also zeigen müssen, dass eine moral, die zu einem anwachsen der verantwortung im ich statt zu einem verharren unter den geboten im über-ich erzieht, vom soziogenetischen prozess der evolution gefordert ist ..... Dem skeptiker .... wird man in der tat nur eben diese hoffnung als ein prinzip entgegenhalten können. Denn hoffnung ist die psychische korrespondenz zu der biologischen offenheit der menschlichen natur

Die ursprüngliche unempfindlichkeit von kindern gegenüber rassenmerkmalen ist wohlbekannt

Exkurs über die Triebdynamik
....
In psychologischer einschätzung erscheinen bisher die intelligenzleistungen, denen wir das kulturelle inventar verdanken, ungleich besser entwickelt, als die intelligenzleistungen, die sich auf die sozialisierung des affektiven menschen, auf die soziale erzeugung einer affekt- oder gemütsverfassung richten. Die erschreckende begegnung mit der triebnatur hat nachhaltiger als alle schrecken der welt sonst seine ichfähigkeiten gelähmt.
Die abwehrleistung gegen diesen schrecken ist die einübung in gewohnheiten, welche die erziehung besorgt. Im gewohnten erlischt meist die frage. Insbesondere auch die frage nach der herkunft der gewohnheit selbst. Aber selbstverständnis aus der gewohnheit ist trügerisch, denn gewohnheit verdeckt die unlust ihres zustandekommens. Das ist ihre ökonomische ersparnis, unter umständen aber auch ihre fatale intelligenzlosigkeit

Die tendenzen einer erziehung zur einsicht sind insofern dieser erziehungspraxis konträr, als sie die erweckung von schuldangst, soweit es uns möglich ist, in der führung des kindes zu meiden suchen. Die affektive zuwendung läuft nicht auf eine besitznahme des kindes hinaus, sondern auf die freilassung zu eigener initiative

Um das zärtliche verhalten als beispiel zu nehmen: Wo es kulturell minder geachtet wird, unterbleibt eine form der triebbefriedigung, in der aggressive triebwünsche von libidinösen gemildert werden und eine ganz bestimmte, eben die zärtliche äusserungsform annehmen. Es entfällt damit aber ebenso die icherfahrung, die aggressive und sexuelle regungen bremsen und in einer neuen verhaltensgestalt - der zärtlichkeit - vereinen kann. Weil die erinnerungsspuren dieser leistung fehlen, kann später in situationen, die ein solches verhalten nahelegen würden, auf sie nicht zurückgegriffen werden. Je intensiver diese neigungen in der kindheit verdrängt werden mussten, je stärker die reaktionsbildung dagegen ist - zum beispiel abscheu vor weichlichkeit -, desto weniger können zärtliche gefühle später erlernt, überhaupt erlebt, geschweige denn kundgegeben werden

In abwandlung des Kantischen satzes `Begriffe ohne anschauung sind leer' kann man sagen: Ein ich ohne die erfahrung der im selbst wirkenden libidinösen und aggressiven triebregungen (und ihres speziellen gehabens) wäre leer; triebimpulse schaffen erst die verbindung zur welt und lassen zugleich das ich sich selbst erfahrbar werden

Man bedenke, zu welcher rücksichtslosen strenge im urteil unsere gesellschaft sexuellen perversionen gegenüber bereit ist und wieviel entschuldigungen bei politisch-ideologisch begründeten untaten größten ausmaßes geltend gemacht und akzeptiert werden

Viel kollektives ritual, viele von der gesellschaft gestützte meinungs- und lebensformen sind ebenso krank, wie einzelpersonen krankhaft sein können ....

Weiterer konfliktstoff zwischen eltern und ihren kindern entsteht, wenn diese mehr oder weniger eingestanden oder unbewusst gehasst werden, weil sie einen abgelehnten teil der eigenen person verkörpern und in ihrem verhalten szenisch darstellen. Also in ihrer haltung, ihrem aussehen schwächen und mängel anschaulich machen, an denen mutter oder vater selbst gelitten und für die sie sich später blind gemacht haben. Auf die unvorhergesehene wiederbegegnung in den eigenen kindern reagieren sie hassvoll. Dies ist wahrscheinlich der häufigste störfaktor. Durch ihn wird die möglichkeit einer positiven identifizierung mit dem eigenen kinde eingeschränkt; das kind widerspricht dem ichideal, das man in sich selbst als reaktionsbildung gegen die eigene schwäche errichtet hatte

In vorwiegend bäuerlichen kulturen sind kinder kapital, natürliche, billige hilfskräfte, eine sicherung für das alter; in der modernen industriegesellschaft verzehrt ihre immer länger dauernde ausbildung kapital, die alterssicherung ist weitgehend auf institutionen übergegangen; jede generation muss die sicherung für sich selbst schaffen

Ich und Ichideal
....
Der vater, der den kindern zurückhaltung und bescheidenheit predigt, um dann bei tisch sich als erster das beste stück zu nehmen, übermittelt beides: die norm und den trick, wie man sie umgeht. Das erklärt die haltbarkeit gerade der identifizierungen mit den (von der gesellschaftlichen norm aus beurteilt) `negativen' zügen eines vorbildes

Ein mensch, der sich mit `leidenschaft' oder dauerndem interesse auch an schwierigen aufgaben versucht und der zugleich die realität angemessen einzuschätzen lernt, kann lust aus diesen tätigkeiten gewinnen - und zwar ausgesprochene `ich-lust'. Er wird die momentane unlust aus dem es, die nicht zu vermeiden ist, wo befriedigungsaufschub verlangt wird, besser hinnehmen. Ein gutes gegenbeispiel sind die lernschwierigkeiten vieler kinder.

Der drohende verlust des gruppenkontaktes ist ein erschreckendes erlebnis und löst panische angst und jede erdenkliche anstrengung aus, die Übereinstimmung wiederzufinden - nur nicht die zu einer besonnenen kontrolle der lage .... Die mittelalterliche strafe der ächtung zeigt, dass die gefahr, die dem individuum bei verlust der gruppenzugehörigkeit droht, tod heisst. Und das wissen selbstverständlich diejenigen, die die große menge zu manipulieren verstehen, genau
[Wednesday Martin, Primates of Park Avenue, Simon & Schuster, New York, 2014,
p173 “Lena's story taught me that like the social worlds of the Bedouin and the Roma, the world of the Upper East Side [New York's most wealthy neighborhood] is an honor/shame culture. Shame and the fear of not fitting in or of falling out or of being ostracized, rather than the fear of going to hell or prison, are the main means of social control.”
p176f “The cult of "intensive mothering", peculiar to the West and specific to the wealthy, is certainly a plague upon the mommies I studied. Sociologist Sharon Hays, who coined the term, defines intensive mothering as "a gendered model that [compels] mothers to expend a tremendous amount of time, energy and money in raising their children." .... just letting them be, borders on neglect. .... It's hard to imagine anything further off the evolutionary script of mothering - kids hanging out in multiage groups all day, the younger ones learning skills from the older ones so they can lend a hand at home, while moms spend time with their sisters and cousins, parenting together - than the plague of intensive motherhood. ....
It eventually dawned on me that having choices and the money to make them was another plague upon my mommy tribe. ... As the choice set grows larger, those negative effects escalate, leading to anxiety. Only one factor mitigates this effect: if participants are not held accountable for their choices. Privileged, intensive motherhood presents just the opposite situation. You are utterly responsible for the potentially life-altering choice of the best and safest car seat, stroller, and organic carrots. ....
Call it a "first-world problem", but only if you understand that it is literally that: in much of the world, child care is not an issue, because "it takes a village" is a way of life, not just a bumper sticker. This allows women to work, feel fulfilled, and have lives apart from mothering without guilt. Or anxiety.]”

Die statische sozialstruktur, die fatalistisch hingenommen werden musste, fand eine dynamische gegentendenz, die dem einzelnen einen relativ großen bewegungsspielraum zwischen leistungsrollen eröffnet hat. Damit wird aber die ichidealbildung nicht einfacher. Nicht nur hat jeder den marschallstab im tornister, was heute heisst, er hat die chance, auf allen möglichen ebenen des establishment - etablierter sozialer machtgruppen - mitspielen zu können; es fällt ihm zugleich auch die möglichkeit, scheitern zu können, in reicher vielfalt zu. In diesen fällen des misslingens, des zurückbleibens hinter idealentwürfen des erfolges, verfestigt sich die regressive, realitätsabgewandte neigung jeder ichidealbildung. Dem phantastisch aus der wirklichkeit entfernten ideal entspricht im verhalten regelhaft das ressentiment, das noch einmal verhindert, erreichbares zu erreichen.
Da dieser fehlzirkel ein wichtiges ingrediens neurotischer charakterentwicklung ist - das ideal, das im dienste passiv phantasierter ersatzbefriedigung steht, statt als vorentwurf aktiver , realitätsgerechter `selbstverwirklichung' mit all ihren enttäuschungen zu wirken ....

Zwei entwicklungslinien sind durch die verfolgbare geschichte der menschheit hindurch als konstanten erkennbar: dass sie in geometrischer progression anwächst, dass aber der anteil des ichs am seelischen geschehen nur sehr viel langsamer wächst

Keine der älteren sozialformen hatte eine machtausstattung, die der unseren vergleichbar war. Keine bedurfte so zwingend der vernunft, das heisst entwickelter ichleistungen bei jedermann. Dieser unterschied ist es, der eine orientierung an tradierten ordnungsformen nur recht beschränkt fruchtbar erscheinen lässt.
Aus unseren Überlegungen folgern wir deshalb die notwendigkeit, einen erziehungsstil zu entwickeln, der sich schon in den frühesten entwicklungsschritten des menschen seiner `ichbedürfnisse' annimmt. Die ist der erkenntnisbeitrag, den die psychoanalyse zur lehre vom menschen geleistet hat: Wir haben mit der stärke der triebregungen und der art, wie sie ans ziel zu kommen trachten, als einer überhistorischen macht zu rechnen und deshalb die notwendigkeit sozialer zwänge, welche ein leben in der gruppe erst möglich machen, anzuerkennen. Worum es geht ist, welche art von sozialzwängen den triebzwängen entgegengestellt wird

Mit dem erlebnis, in seinen ichbedürfnissen verstanden zu sein - auch wenn er sich ganz anderen gegenständen, tätigkeiten zuwendet als der vater -, erwirbt der sohn eine lebenserfahrung, mit der er immer, in jedem beruf, in jeder sozialen stellung, etwas anzufangen vermag und die ihn nicht zuletzt davor bewahren wird, einst den eigenen kindern unter allerlei rational klingenden (in wahrheit rationalisierenden) begründungen das bestreiten zu wollen, was ihm selbst nicht zuteil wurde.
Erziehung zur Ichstärkung
Es kann keinem zweifel unterliegen, dass die erziehung zur ichstärkung in dem gesamt von tradierten und aktuell wirksamen stereotypen unserer gesellschaft schwach, sehr schwach gesichert ist. Das wird nicht durch den kult der persönlichkeit, als höchstes glück der erdenkinder, widerlegt

Der unsichtbare Vater
....
Hier sei angefügt, dass wir in diesem kapitel nur eine soziale beziehung, die zwischen vater und sohn, behandeln. Sie steht beispielhaft für die anderen verhältnisse in der familiengruppe .... Wenn wir gerade die kommunikation von vater und sohn herausgegriffen haben, so hat dies seine ursache in der gesellschaftlichen sonderstellung dieser beziehung in einer paternistischen gesellschaft. An der veränderung, welche die gesellschaftlichen prozesse in diesem verhältnis erzwungen haben, kann man mit besonderer deutlichkeit ablesen, wie die paternitäre gesellschaftsordnung sich selbst in eine kritische lage manövriert hat. Aus ihr wird sie nicht mit dem gleichen festgegründeten bewusstsein einer unumstößlichen ordnungsform hervorgehen, das der hinter uns liegende äon besaß ....
Je vielfältiger sich eine zivilisation entfaltet, in desto mehr situationen übernehmen andere die lehraufgabe des vaters - bis es schliesslich den lehrer als selbständigen beruf gibt. Lehrer verkörpern dabei genaugenommen aspekte des fehlenden vaters

Das arbeitsbild des vaters verschwindet, wird unbekannt. Gleichzeitig mit diesem von geschichtlichen prozessen erzwungenen verlust der anschauung schlägt die wertung um. Der hymnischen verherrlichung des vaters - und des vaterlandes! - folgt in der breite ein `sozialisierter vaterhass', die `verwerfung des vaters', die entfremdung und deren seelische entsprechungen: `angst' und `aggressivität'.
Die vorgefasste meinung, die paternitäre ordnungsreform sei gleichsam das unumstößliche strukturprinzip jeder gesellschaft, wird leicht dazu führen, diesen entfremdungsvorgang zwischen vätern und söhnen zu bagatellisieren. Die auffallende unzugänglichkeit vieler jugendlicher, ihre provokatorischen allüren, ihre indifferenz für alles, was denÄlteren wertvoll war, ihr leiden unter einer einsamkeit, die sie in hektischem erlebnishunger zu übertönen suchen - kurz, der schwere und lange verlauf der adoleszenzkrise geht dann als psychopathologisches phänomen auf das konto der jugendlichen. Bei ihnen liegt das übel, zu dessen erklärung hauptsächlich vererbungsmythologien (der tunichtgut im stammbaum) ins feld geführt werden. Die heiklere frage, ob nicht etwa die lebensgewohnheiten der familie an diesem überraschenden ergebnis, dass gute vorbilder so bedauerliche folgen zeitigen, schuld sind, bleibt ausgeklammert. Ausgeklammert bleibt auch die logischerweise daraus folgende frage, inwieweit gesamtgesellschaftliche prozesse an der gestaltung der familiären lebensgewohnheiten mitwirken. Die affektive fixierung auf das tradierte modell einer gesellschaft, in der väter vorherrschen, vorleben, erschwert es so, die realität zu beobachten, in der von solcher sinnfälligkeit wenig geblieben ist

.... hätte als das reale erlebnis des vaters im kinde zwei spuren hinterlassen. Ein entfaltungsschema geordneten verhaltens, das wir gewissen (`über-ich') nennen, wäre angelegt, und zweitens: Ein stück bewältigungspraxis des lebens wäre vom vater auf den sohn übermittelt worden. In sozialen verhältnissen, in denen der bestand an jahreszeitlich gebundenen aufgaben gleichförmig durch die generationen hindurch weitergegeben wird, scheint diese bildende seite der erziehung kaum der beachtung wert. Sie ist dann eine art sozialer selbstverständlichkeit. Erst wenn diese bewältigungspraxis dauernden revolutionen unterliegt, wird sie zum problem. Besteht dann noch die revolutionierung der praktiken des tätigen lebens in einer fragmentierung der arbeitsleistung und in einem anwachsen `nicht-anschaulicher' sozialleistungen - wie sie zum beispiel die ganze verwaltungsarbeit darstellt -, so ist die folge davon ein defizit an anschaulichkeit. Für den heranwachsenden menschen bedeutet das ein defizit an sozialbildung. Dieser mangel - und dies wäre die these unserer überlegungen - bleibt nicht ohne rückwirkungen auf die gesamte formung und prägung der jeweiligen generation der söhne durch ihre väter

Zweifellos lag der anlass der amerikanischen kulturentwicklung in der auflehnung gegen das despotische England. Was sich dann aber nach der trennung in Amerika vollzogen hat, war der vorgang des sichüberantwortens an neue praktiken der lebensbewältigung, die schliesslich die wirksamkeit eines inbegriffs der kulturellen traditionsmacht, die potestas des vaters selbst, ungestraft paralysieren konnten - ungestraft jedenfalls durch die väter selbst.
`Die schaffung eines Amerikaners', sagt Gorer, `verlangte, dass der vater sowohl als vorbild wie als quelle der autorität verworfen wurde.' `Vater wusste es nie am besten.' `Und als sich die mutation einmal herausgebildet hatte, wurde sie beibehalten: Wie viele generationen immer einen Amerikaner von seinen eingewanderten vorfahren trennen mögen, er verwirft seinen vater als autorität und vorbild und erwartet, dass seine söhne ihn verwerfen.' Die subtile analyse Gorers ist trotz allem zu generalisierungen gezwungen. In altbesiedelten bäuerlichen gegenden Amerikas nämlich, wie zum beispiel in Pennsylvanien, finden sich durchaus gruppen, in denen sich religiös verankerte sozialnormen weitgehend erhalten haben.
Die Sozialnorm der Religiosität an sich allerdings blieb den USA bislang als allgemeine Grundlage erhalten (siehe die Macht der Evangelicals / Religiösen Rechten in der Ära George W. Bush). So schreibt der SPIEGEL 30/2011p106f im Beitrag "Gottlose Trendsetter - Worin unterscheiden sich Ungläubige von Gläubigen?":
Die Konfessionslosen sind das am schnellsten wachsende Segment auf dem Markt der `Weltanschauungen'. In den vergangenen zehn Jahren hat sich ihre Zahl in den USA auf 15 Prozent verdoppelt." .... Ungläubige rangieren in den USA ganz unten auf der Beliebtheitsskala, noch hinter Muslimen und Schwulen. In South Carolina und Arkansas dürfen Gottlose kein öffentliches Amt bekleiden.
Wie die schilderungen John Gunters deutlich machen, hat hier ein Europa der vorrevolutionären epoche überdauert, das an seinen ursprungsorten längst von späteren sozialen wirklichkeiten überdeckt wurde. Manche der Pennsylvania Dutch stehen noch unter dem diktat der väterlichen autorität wie die bauernsöhne im dem jahrhundert vor dem eindringen der maschinentechnischen revolution. Es ist also nicht das abschütteln der bevormundung durch die auctoritas des alten Europa, die in Amerika diesen schockierenden zerfall der vaterautorität mit sich gebracht hat, sondern es ist nach interessanten ansätzen einer eigenen stilentwicklung der prozess der ungehemmten ausbreitung der maschinentechnischen organisation mit ihrer diktatur der ununterbrochenen umstellung der lebensbewältigungspraktiken, der solches hervorrief. Die technische entwicklung vollzog und vollzieht weiter die auflösung jahrhundertelang tradierter handwerklicher produktionsformen und `lebensstile'. Der an sie geknüpfte konservatismus als stil sozialer erfahrung kann nicht aufrechterhalten werden.

Da die verbindliche, anschauliche väterliche unterweisung im tätigen leben fehlt, hier also keine verlässliche tradition mehr besteht, orientieren sich die altersgenossen aneinander. Die peer group, das heisst die gruppe der altersgenossen in schule und nachbarschaft und im beruf, wird zur richtschnur des verhaltens. Das gilt für erwachsene wie kinder .... Von diesen beobachtungen her hat sich David Riesman zu einer neuen `kulturtypologie' vorgetastet. Neben dem typus des traditionsgelenkten menschen (`tradition-directed') unterscheidet er die typen des `inner-directed', das heisst des vorwiegend gebotsgebundenen menschen, und des `other-directed', das heisst des durch die konformität mit seinen gruppengenossen gelenkten menschen, der zugleich der durchschnittsbürger der neuen mittelklasse ist, wie sie die technische massenzivilisation heraufgebracht hat .... In diesem sehr anschaulichen vergleich spricht Riesman davon, dass bei diesem neuen menschentyp, der bei seiner massenhaften verbreitung der typus des modernen, man möchte sagen klassenlosen massenmenschen ist, die lenkung `anstelle durch lebenslang gültige ziele, auf die man sich hinbewegt, durch radar erfolgt.' Dabei kann ein dauernder richtungswechsel erfolgen: Denn zum lebensraum des `other-directed' gehört der überraschende zuruf neuer kurzfristiger ziele, die er schnell ergreift und aufgibt. Auch diese art der beeinflussung wir natürlich von kindheit an gelernt. Durch sie entsteht dann neben anderem jenes bild eines vaterverachtenden, technischen progressisten, der in sich keinen anspruch auf `entwicklung' vorfindet, sondern für den es gewissermaßen nur noch zwei kategorien der beurteilung gibt: ein soziales `in-form-sein', polpulärsein, und ein vergessen-, übergangen-, wertlossein. Der begriff des reifens als kollektiv anerkannter ausformung beginnt zu verschwimmen

.... bäuerliche traditionswelt .... Vergleicht man diese welt mit der unseren, so sind in der geschichte zwei stufen der entfremdung beobachtbar. Zuerst wird die arbeitswelt von der welt des familiären lebens weggerissen. Das wird als ereignis schon in der romanliteratur der ersten hälfte des 19. jahrhunderts erlebt. Für das kind ist die für die lebensfristung wichtigste lebenspraxis, die berufsausübung des vaters, nicht mehr unmittelbar anschaulich. Aber vielleicht kann der vater noch davon berichten und teile seiner erlernten handfertigkeiten im milieu der familie zur anschauung bringen. Für die väter, denen der nächste schritt der technisierung den beruf bestimmt, die in verwaltungen tätig sind, ist nicht einmal dies mehr möglich, da ihr beruf keinerlei anschaulichkeit mehr in sich birgt und also auch von ihm, ausser ärger und büroklatsch, nichts mehr in die familiäre welt mit nach hause gebracht werden kann

Charakteristisch genug sind die wenigen glücklichen erinnerungen des patienten an seinen vater mit den kurzen stunden gemeinsamer bastelarbeit verbunden. Aber in dieser hinsicht gab es eben keine zusammenhängende, verbindende tätigkeit, vielmehr stand ganz die leistungsdressur als leitmotiv über der jugend dieser kinder .... Ein solches kind erfährt kein `urvertrauen', und es hat dann später keinen sicheren standort, von dem aus es seine autonomie entwickeln könnte

Der ausweg, den er vorher aus dieser qual suchte, ist der, dass er die eine, die negative seite in der beziehung zu den alten beziehungspersonen - den eltern - belässt, die positive seite auf neue idealisierte vorbildfiguren überträgt

Es ist wahrscheinlich keine sentimentalität, in diesen erfahrungsgrundlagen - bei denen ja zugleich die gestaltung der landschaft selbst durch arbeit mitvollzogen wird - den ursprung jenes zugehörigkeitsgefühls zu suchen, den das wort `heimat' symbolisiert .... Nun wäre es bestimmt ein verträumter irrtum, die bäuerliche welt zu verklären - ihre dörfliche enge und inzucht, ihre rigideste konformität und besitz- beziehungsweise selbstbewusstseinsstaffelung, die lastende körperarbeit, die gefühlsstumpfheit und den aberglauben. Und doch hatte sie - je ferner sie uns rückt, je mehr die technisierung die bauernwirtschaft zu einem sich spezialisierenden wirtschaftszweig neben anderen umformt - in allem permanenten elend eine chance, den ambivalenzkonflikt produktiv zu schlichten. Eben durch diesen einheitlichen handlungsraum. Die rivalität mit dem vater konnte in einer ausserverbalen, aber direkt anschaulichen konkurrenz mit ihm, im umgang mit werkzeugen ausgetragen werden. Der sohn konnte dem vater auf dessen eigenem feld vorpflügen und beweisen, was er konnte. Diese direkte konkurrenz, die zur bewältigung der affektiven gespanntheit beitrug, brauchte nicht den direkten ausdruck, den streit; sie konnte auf dem umweg über eine beiden partnern gleichvertraute tätigkeit geschehen.
Die trennung der väterlichen von der kindlichen welt in unserer zivilisation lässt eine derartig anschauliche erfahrung auf beiden seiten nicht zu; das kind weiss nicht, was der vater tut; der vater nicht, wie das kind in seinen fertigkeiten heranwächst. Eine selbstgebaute scheune ist auf eine andere weise zum besitz geworden als ein eisschrank oder ein automobil .... Alles das muss ihm das gefühl der vereinsamung geben und legt ihm den schluss nahe, dass der vater schwach, unfähig ist, dass man mit ihm nicht rechnen kann. Umgekehrt fühlen die väter eine verständnislose verschlossenheit an den söhnen, die es schwer oder unmöglich macht, das rechte wort im rechten augenblick zu finden

Den `feld-anthropologen' - und als solcher fühlt sich der psychoanalytisch tätige arzt - bewegen die in der einkleidung der individuellen situation sich in zahlloser variation wiederholenden gleichen entfremdungsvorgänge

Gehorsam - Autonomie - Anarchie

Gehorsam ist so notwendig, wie er ganz offensichtlich nicht selbstverständlich ist. Er ist der stärksten und unversieglichen leidensquellen eine .... Recht zum ungehorsam? Das kann doch nur ein so unglaublicher sonderfall sein, dass es sich nicht lohnt, solche situationen ernstlich ins ordnungsbewusstsein aufzunehmen. Wann sind eigentlich `vormünder' so schlecht, dass ihnen der denkzettel des ungehorsams gebührt? Im rechtsmodell ist das vielleicht nicht allzu schwer zu präzisieren - aber in der unwürdigen lage selbst gehört kälteres blut, als die meisten haben, dazu, sich der paragraphen zu erinnern, die von der würde handeln, von der würde des schwächeren. Man arrangiert sich auf den krummen wegen

Die schwächliche nachsicht der folgenden generation gegenüber entstammt aber auch einem zunehmenden, aber vagen unbehagen und schuldgefühl, in einer der tradierten bekanntheit entschlüpfenden welt dem kind ebensowenig wie sich selbst eine innere ordnung vermitteln zu können, was von vielen menschen regressiv mit einem rückzug auf egoistische befriedigung ihrer triebwünsche beantwortet wird. Weil dieses aus narzisstischer interesselosigkeit am anderen und aus hilflosigkeit gemischte gewährenlassen wie güte aussieht und sich unversehens mit errungenschaften fortschrittlicher erziehung vermengt, lohnt es sich, hartnäckig die zwei grundtatsachen, an denen keine gesellschaft vorbeikommt, zu betonen: Sie muss auch versagend ihren gliedern gegenüber sein, muss sie lehren, versagungen zu verarbeiten, ohne sich dabei von sich selbst zu entfremden, also weder nur passiv sich anzupassen noch sozial zu ignorieren; und sie muss lehren, wie gruppen mit der durch diese versagungen erregten ambivalenz der gefühlseinstellung fertig werden, wie sie sich produktive lösungen durch sublimierung erarbeiten können. Dazu wird nicht zuletzt gehöhren, dass man den gehorsam nicht als selbstverständlichkeit ansieht und nicht als dressat durch einseitiges kommunizieren vom befehlenden zum gehorchenden erzwingt, sondern bewusste rücksicht auf den schwächeren nimmt. Der jetzt noch schwächere soll aber einst kraftvoll, nicht unangemessen anspruchsvoll werden

Unverstand und brutalität, die wir in der kindheit erfahren, hinterlassen für immer spuren in unserem charakter. Wir sind eingedenk des früher erwähnten Pascalschen satzes: `Niemals tut man so vollständig und so gut das böse, als wenn man es mit gutem gewissen tut.' Jetzt ermessen wir die ganze schwierigkeit der orientierung durch das ich, die im verhalten der erwachsenen und der kinder zutage tritt. Das `böse' ist für die eltern Luthers das moralisch gerechtfertigte gute. Für das kindliche ich entsteht die unendlich lebenserschwerende aufgabe, zwei unvereinbar antagonistische introjektionen als zentren seiner verhaltenssteuerung zu gehorchen: dem introjekt, das gehorsam fordert und sich darauf beruft, es `herzlich gut' zu meinen, und dem anderen, das unersättlich strafend, demütigend gegen das selbst vorgeht, unversöhnlich bleibt, einschüchtert und den selbstwert zerstört. Das sind die aspekte des entarteten gewissens, dessen gehorsamsforderung nicht von einsicht gelenkt ist, sondern wiederum ein unzugängliches absolutum darstellt

Unsere wege zur einsicht, unsere einübung zur selbstkontrolle in den sozialen kontakten vollzieht sich gleichsam eingehüllt in affekte, die uns von anderen menschen entgegenkommen ... wurde mit dem begriff des `introjektes' angedeutet; er meint, dass in sehr frühen etappen der erfahrung eine forderung, der wir in der umwelt begegnen, während wir unseren bedürfnissen folgen, zu einer inneren stimme zu werden vermag .... die introjekte werden teile des selbst, des ganzen charakters, und halten das ich so fest umklammert, dass es ihm kaum oder gar nicht gelingt, zu ihnen in kritischen abstand zu gelangen

Freud hat darauf hingewiesen, dass `das über-ich des kindes eigentlich nicht nach dem vorbild der eltern, sondern des elterlichen über-ich aufgebaut' wird.; das über-ich wird damit `zum träger der tradition, all der zeitbeständigen wertungen, die sich auf diesem wege über generationen fortgepflanzt haben'.

Die trennung von arbeits- und wohnplatz schafft die entfremdung in der familiengruppe, die identifikationslockerung macht den einzelnen anpassungsgeschmeidiger, aber auch kritik- und verantwortungsscheuer. Das wieder treibt bemächtigungspraktiken im sozialen grossraum hervor, die eine verfassung des einzelnen zur voraussetzung haben, in der die inhalte des über-ichs leicht austauschbar sind. Erinnert man sich der eide, die einem heute sechzigjährigen im laufe seines lebens abgenötigt werden konnten und die er meist widerspruchslos leistete, so erkennt man einen fast attrappenhaften charakter der über-ich leistungen .... Damit ist das eigentliche merkmal der `kulturheuchelei' angedeutet. Die kulturforderung ist nicht assimiliert, mit dem ich leistungsverknüpft, sondern ihr wird nur zeitweilig gehorcht. Der `aussengelenkte' mensch in der Riesmannschen terminologie darf kein über-ich bleibender inhalte haben. Oder genauer: seine inneren leitwerte entwickeln sich nicht evolutionär, sondern sie werden katastrophisch aneinandergereiht, wie die katastrophengeborenen ideologien es fordern. Das mag im prinzip seine gültigkeit in allen zeiten gehabt haben, und nur die häufung dieser um- und zusammenbrüche in kurzem zeitraum kann als besonderheit unserer epoche gelten. Aber solche häufigkeit der neuorientierungszwänge hat eben doch qualitative auswirkungen auf die strukturierung der charaktere, die sie zu bewältigen haben

Das faktische gegenbild zu den für unsere zeitläufte typischen helden der massen sind die initiativearmen `frühpensionäre', die in ihren wohlfahrtsstaaten nie flügge werden wollen

In einer spezialistisch organisierten grossgesellschaft mit rascher wandlung des technischen produktionsinventars spielt gehorsam eine nicht geringere, wahrscheinlich eine bedeutendere rolle als in einer statusgefestigten, in begrenztere funktionsräme gegliederten gesellschaft

Die einfühlung in das kleinkind und in den jugendlichen in den krisen der pubertät ist die unterentwickeltste sozialbeziehung in unserer gesellschaft

Weil die sozialisierung des menschen unserer gesellschaft teils verbietend, teils achtlos geschieht und die haltgebenden kontakte fehlen, weil dem kinde von frühester jugend an schuldgefühle eingeflößt werden, ohne dass ihm zugleich guter rat und eine sanfte hand zuteil würden, die ihm zeigen würden, wie man schuld vermeidet und wie man überhaupt zu unterscheiden lernt, wo schuld und wo ein einschüchterungsversuch vorliegt, [
siehe auch hier] schließlich: weil eine arbeitsteilige sozialstruktur den verengten spezialisten braucht, der nur auf einem kleinen sektor kritisch denken, sonst aber in unauffälligem konformismus gehorsam zeigen soll - weil diese einflüsse sich überschichten und verwirren, vermag die mehrheit der menschen nicht vernünftige möglichkeiten zu verwirklichen, deren sie potentiell fähig wäre.
Das erprobte system, frühzeitig `denkhemmungen' zu setzen, das durch jahrhunderte von den herrschenden gruppen als erziehungsleitsatz für die massen entwickelt wurde, wird gegenwärtig mit hilfe der massenmedien, ihrer art der nachrichtenaufbereitung, mit hilfe des einschleifens von konsumgewohnheiten auf allen ebenen erfolgreich fortgesetzt .... Nur wer dem prinzip der denkhemmung früh unterworfen wurde, neigt dazu, die eigene unvollkommenheit dem anderen anzuhängen - und darüber ziemlich gewiss die wahrung der eigentlichen chancen zu verpassen ....
Einfühlung und Distanz
Das erlebnis der nähe setzt die überwindung des triebgehorsams voraus, in dem der andere immer nur funktionswert - und nicht mehr - für mich hat, ein mittel zum zweck meiner befriedigung ist. Wo das aufsuchen des mitmenschen, wie auch immer vor uns selbst begründet, aus diesem motiv erfolgt, bleibt der andere fremd; und indem wir uns in der rechenschaft über unsere motivation betrügen, bleiben wir uns dunkel. Mit grosser scharfsicht hat Goethe in einem brief diesen unterschied formuliert zwischen einsicht (und damit annäherung) und einem autistisch triebhaft motivierten verhalten, das sich im überwurf der mitmenschlichen rücksicht versteckt: ``Und was das gute herz, den trefflichen charakter betrifft, so sage ich nur so viel: wir handeln eigentlich nur gut insofern wir mit uns selbst bekannt sind; dunkelheit über uns selbst lässt uns nicht leicht zu, das gute recht zu tun, und so ist es denn ebenso viel, als wenn das gute nicht gut wäre.'' Charakterologisch können wir die selbstgewissheit, mit der an der rationalisierung festgehalten wird, als ``dünkel'' bezeichnen. Goethe fährt entsprechend fort: ``Der dünkel aber führt uns gewiss zum bösen, ja, wenn er unbedingt ist, zum schlechten, ohne dass man gerade sagen könnte, dass der mensch, der schlecht handelt, schlecht sei.''

Sehr genau beschreibt Nietzsche diesen tradierten gewissensgehorsam: ``Der inhalt unseres gewissens ist alles, was in den jahren der kindheit von uns ohne grund regelmässig gefordert wurde, durch personen, die wir verehrten oder fürchteten. Vom gewissen aus wird also jenes gefühl des müssens erregt (`dies muss ich tun, dieses lassen'), welches nicht fragt: warum muss ich? - in allen fällen, wo eine sache mit `weil' und `warum' getan wird, handelt der mensch ohne gewissen; deshalb aber noch nicht wider dasselbe. - Der glaube an autoritäten ist die quelle des gewissens: es ist also nicht die stimme gottes in der brust des menschen, sondern die stimme einiger menschen im menschen.'' Wo ein solches gewissen gut funktioniert, sichert es die praktische anpassung und kaschiert mehr oder weniger erfolgreich die szenen kollektiver gewissenlosigkeit. ``Alle sogenannten praktischen menschen'', sagt Nietzsche wenig später, ``haben ein geschick zum dienen: das eben macht sie praktisch, sei es für andere oder für sich selbst. Robinson besaß noch einen besseren diener, als Freitag war: das war Crusoe.''

Der einfluss der westlich aufklärerischen idee vom selbstbestimmungsrecht der völker trifft an manchen orten auf autochthone soziale und politische traditionen, die keineswegs vor dieser idee kapitulieren, sondern sie auf internationaler ebene vorerst zur erpressung verwenden und sie damit in ihren puren unsinn verwandeln .... Den grossgruppen gegenüber erscheint der anspruch produktiver einordnung wie eine beleidigung des selbstwertes. Es gibt keinen internationalen umgangsstil der mäßigung, der wie alle stile zwänge in sich schließen müsste, denen die tonangebenden gruppen vorbildlichen nachdruck verleihen müssten. Da die großmächte jedoch fast durchgängig keineswegs größere reife in der bewältigung internationaler konflikte an den tag legen, tragen sie dazu bei, dass ein brutaler irrationalismus - Vietnam! - zum internationalen verhaltensstil wird. Der aufgeblasene nationalismus der kleinen ist die ohnmachtsgeste der hilflosigkeit in machtkonstellationen übernationaler art, in denen der kleine entdeckt, dass er so einflusslos bleibt, wie er es in den zeiten des kolonialismus war.
So kommt es, dass die alten nationen, denen die errichtung der untergehenden imperialen systeme gelungen war, keine überzeugende, d.h. problemlösende autorität mehr besitzen. Sie gleichen eltern, die sich mit ihren adoleszenten kindern in dauerfehde befinden, erpresst werden, weil ihre doppelmoral nicht zu verhüllen ist. Die der adoleszenz vergleichbaren entwicklungskrisen kollektiver gebilde scheinen aber um so krisengefährdeter, je weniger ambivalenz in der periode bis zur gewaltsamen erlangung der autonomie geschlichtet und in inneren leitbildern organisiert wurde. Die rivalisierenden paternitären konstruktionen der imperialen kolonialmethode waren offenbar keine gute vorbereitung für die autonomie, nicht der beste initiationsritus.
Wenn irgendein slogan irreführend ist, dann doch der von der ``völkerfamilie''. Denn es gibt kein volk, das bereit wäre, seine ``kindlichkeit'' und ``unmündigkeit'' freiwillig anzuerkennen

Die neue entmündigung wird verführerisch mit versorgungsanspruch bezahlt

Exkurs: Vom geahnten zum gelenkten Tabu
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(Freud) Das erste menschenpaar, das den apfel pflückte, verletzte das tabu. Die abgrenzung eines verbotenen bezirkes gehört ebenso uralt zur lebensart des menschen wie der wunsch, in den heilig-unheimlichen bereich einzudringen. ``Das tabu ist ein uraltes verbot, von aussen (von einer autorität) aufgedrängt und gegen die stärksten gelüste des menschen gerichtet. Die lust, es zu übertreten, besteht in deren unterbewusstem fort; die menschen, die dem tabu gehorchen, haben eine ambivalente einstellung gegen das vom tabu betroffene.''

Doch ist ausser dem - zwar in seiner reichweite ausserordentlich schwankenden, aber überall gültigen - inzesttabu in den verschiedenen kulturgruppen sehr verschiedenes von tabuschranken geschützt. Dafür steht keine andere erklärung offen als die, dass den ``stärksten gelüsten'' des menschen nur eine prinzipielle schranke, aber keine inhaltlich genau festgelegte entgegengesetzt ist. Seine triebe sind nicht definitiv objektgebunden und zyklisch reguliert; er lebt von einer geschichtlichen anpassung zur nächsten und schafft sich zugleich die zur anpassung herausfordernden neuen lebensbedingungen .... Aber schon das verbotene zu denken ist ein angstauslösender schock; oft fordert das vorwegnehmende phantasieren einer tabuverletzung mehr mut als die spätere handlung

Rollen
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Wir sehen diese xenophobie, diese furcht vor dem fremden, darin begründet, dass abweichende lebens- und urteilsgewohnheiten das mühsam aufrechterhaltene gleichgewicht zwischen versagungen und gewährungen der eigenen sozialen ordnungen zu stören drohen. Besondere missbilligung findet dann etwa eine eheliche verbindung über die schranken der eigenen sozialgruppe hinweg oder auch die ausübung eines berufes, der nicht als standesgemäß gilt. Die starke binnenorientierung der stände, kasten, klassen, konfessionen, aber auch der berufsgruppen mit langer traditionsordnung - von den binnenorientierungen der sprachgruppen zu schweigen - erweckt ein sicherheitsgefühl, das nur in der reizbarkeit gegen abweichungen etwas von der anstrengung verrät, die es kostet, durch konformität seiner selbst gewiss zu sein. Das fremde ist nicht nur draussen, sondern auch im individuum stets gegenwärtig. Die mühe, welche die tonangebenden schichten auf die erzieherische beeinflussung des jungen menschen, auf seine indoktrinierung mit der moral und dem gebilligten verhaltenskodex aufwenden, beweist uns, dass bei dieser kultivierenden einpassung ``bedingte reflexe'' eingeschliffen werden; was nichts anderes bedeuten kann als die organisierung des individuums auf einer psychischen ebene, die das kritische ich weitgehend ausschaltet. Das potentielle ich jedes einzelnen wird damit zum feind und fremden erklärt, jede von ihm ausgehende ``aufklärung'' erfährt erst einmal den widerstand durch die communis opinio

Neue formen der knechtschaft sind aber mit dem selbstgefühl deshalb leichter zu verbinden, weil die privilegierte schicht, die sich zu etablieren beginnt, aus den eigenen reihen hervorgegangen ist und ihr machteinfluss nicht den beigeschmack von fremdherrschaft hat. Als solche wurde aber, wegen der sozialen berührungsfurcht, die sie zeigten, das regime der herrschenden klassen in der feudalgesellschaft und das kapitalistisch-imperiale bürgertum erlebt

Wir beobachten also, dass die möglichkeit zur kritischen durchdringung der eigenen lage unentwegt dem übernehmen von rollen und stereotypen vorurteilen geopfert wird. Die zwänge, die hier wirken, entstammen älteren evolutionsstufen und geschichtlich langen epochen: Sie konkurrieren übermächtig mit der bewussteren entscheidung

Keine rolle kann - ohne vergewaltigung der wirklichkeit - einen schlüssel für alle situationen bieten, die dem begegnen möchten, der in ihr steckt. Wer sich so in ihr verstecken will, versteckt in der rolle sein selbst. Bis zur groteske verzerrt zeigt sich dieses verstecken des selbst unter umständen an der rolle des richters, der sich in seinen gesetzen definiert wähnt und auf diese weise die wirklichkeit beugt. Die faktische unsicherheit des rollenverhaltens in einer welt nicht vorausgesehener konfliktsituationen befördert aber den ängstlichen rückzug in stereotypes handeln und urteilen von trostloser originalitätsarmut.
Der ausserordentliche reibungsverlust in der von mammutbürokratien gelenkten großgesellschaft wird oft beklagt. Darin wird aber die erfahrungsarmut in der handhabung neuer lagen sichtbar; genügsamkeit mit der rolle heisst hier vermehrte scheu vor verantwortung, die vage nach ``oben'' delegiert wird. Das fördert eine phantasiearmut, der es nicht einfällt, auf angemessenere lösungen zu sinnen

Unsere bisherigen beobachtungen lassen sich dahin summieren, dass alte rollenschemata eine lebensdauer über die tiefgreifenden änderungen der sozialen wirklichkeit hinweg beweisen; obgleich sie dann nicht mehr funktionen im dienst einer lebenden, sondern einer vergangenen ordnung vollbringen lassen - ihr schema wird festgehalten, weil die unlust, neues, störendes erfahren zu müssen, die neugier auszulöschen vermag .... Rollen können festgefügten ordnungen angemessen sein; wenn die fundamente erschüttert sind, treten die bizarrsten rollenmuster auf, in denen regressiv angstlinderung gesucht wird .... Evolution zum bewusstsein heisst aufklärung .... An die stelle einer im menschen sich selbst verwirklichenden vernunft tritt also der versuch, in beharrlicher analyse zu erforschen, wieviel vernunft zu zeigen ihm seine welt eigentlich gestattet

Die sozialen rollenschemata, von denen man in den modernen gesellschaftswissenschaften spricht, sind komplexe gehorsamsgestalten .... Das problem, das die evolution zum bewusstsein ebenso wie die unübersichtlichkeit der bestimmenden einflüsse in den großgesellschaften stellt, kann in nuce formuliert werden: Wie gelingt es, ein reziprokes verzahnen der rollen und der statuspositionen herzustellen, das nicht allein oder überwiegend einem hierarchischen vostellungsmodell folgt? Weisung von oben und befolgung in den tieferen sozialen positionen ist eine ordnungsidee, deren einwegsystem, wie wir zeigten, nicht mehr ausreicht. Reichere und zu den normen auf allen ebenen beitragende initiativen, die eine integration durch absprache finden, wären die alternative leitidee .... Psychologisch können wir von rollen nicht sprechen, ohne uns jener ``doppelrollen'' zu erinnern, die wir immer auch spielen. Es sind nicht nur agenten und spione, nicht nur intriganten und heuchler, die so zweigesichtig handeln. Am besten wird man der rollenproblematik gewahr, wenn man untersucht, wie sie sich zum vorwand verhält. Der polizist, der einwandfrei seinen dienst versieht und im zuge der geschäfte auch einmal eigenhändig einige tausend ``staatsfeinde'' gemordet hat, schwamm für diese strecke seines lebens auf der höhe seiner zeit - und nicht, wie uns die moralisten hinterher einzureden bemüht sind, in deren schlamm. Rollen zum vorwand exzentrischer gelüste zu benützen ist eine konstante versuchung - in manchen historischen augenblicken gelingt die überrumpelung auf allen ebenen .... Wenn in der uniform im kader das eigene gesicht verschwimmt, so in mord und schändung die wirklichkeit des anderen; er wird zum fetischding für den autistischen drang
Das Übersteigen der Rolle
In solchen automatismen masochistischer und sadistischer art gehen es und über-ich eine so feste bindung ein, dass dem ich nurmehr die niedere dienstleistung bleibt, den vorwand plausibel zu machen .... Der exzess ist einer inflation vergleichbar; die währung bleibt die gleiche

Rollen sind, wo sie nicht zu einer bandenhaften gruppenstruktur führen, vorgegebene techniken der triebmeisterung für ein leben in der gesellschaft. Aber sie haben eine gleichsam augenzwinkernde lebenserfahrung auf ihrer seite, die davon weiss, dass auch unter moralischer prämisse eine menge unverfeinerter, egoistischer triebwünsche unterzubringen sind. Und darin nicht zuletzt gründet die rollengenügsamkeit des menschen

Vorurteile und ihre Manipulierung
Grundrechte - die Antithese zum Vorurteil
Die macht der vorurteile über die menschen ist so riesengroß, dass jeder versuch, sich ihren einfluss zu vergegenwärtigen, hinter der wirklichkeit zurückbleibt. Jede psychologische theorie des vorurteils ist immer noch verharmlosung; es ist viel schlimmer. Übertreibung ist hier leider kaum möglich. Unser alltag ist voll von entscheidungen, die durch vorurteile erzwungen werden .... Ein vorurteil kann erst dann dem denken als solches erscheinen, wenn es gelingt, seine herkunft zu entziffern .... ``Sage mir, welche vorurteile du hast, und ich sage dir, in welchem herrschaftstypus du zu hause bist.''

Unsere rechtsbücher sind durchsetzt von vorurteilen, die nichts mit einer rechtsordnung - im sinne unseres grundgesetzes etwa -, aber alles mit der psychischen ökonomie der gruppen zu tun haben, denen es gelungen ist, ihre vorurteilshaltung bis zum kodifizierten recht zu erheben

Das jeweilige vorurteil, an dem festgehalten wird, soll gegen störungen aus der fremden um- und innenwelt absichern .... meist .... durch ein ganzes vorurteils-geflecht

Identifikationen sind unerlässlich zum finden der eigenen identität. Entwickelt sich aber eine so starre bindung an das fremde ich, dass sie nicht wieder gelöst werden kann, so bildet sich eine falsche identität, eine falsche persönlichkeit, die in ihrer entwicklung blockiert ist. Das wort ``falsch'' gilt es abermals mit großer vorsicht zu handhaben. Uns allen haften ungelöste bindungen aus identifikationen an. Worauf wir abzielen, ist die feststellung der neurotischen, kranken bindungsformen, der hörigkeit, die sich in vorurteilen, die wir nicht abzuschütteln vermögen, äussert

Es gäbe keine vorurteile, wenn wir in der lage wären, alles zu bedenken und dann zu beurteilen. Unsere urteilskraft ist jedoch in zweifacher hinsicht begrenzt. Wir erleben zeitgenössisch eine unabsehbare fülle von ereignissen, in denen fortwährend entschieden wird. Man käme zu nichts, wollte man alles nachprüfen .... Mut können wir in diesem zusammenhang als konsistenz der ichstruktur bezeichnen; es gelingt dem ich, sein objekt gegen einsprüche des über-ichs und des es und natürlich auch gegen die einschüchterungen aus der sozialen mitwelt festzuhalten und nach eigenen maßstäben urteilend mit ihm umzugehen .... Arbeitsteilung heisst notwendigerweise erfahrungs- und dann urteilsteilung. Arbeitsteilung kombiniert mit vielfacher nötigung zur übernahme pauschaler affekteinstellungen ist die denkbar gefährlichste gesellschaftliche konstellation. Es ist die situation, in der wir leben .... Um noch einmal die mutfrage aufzugreifen: Wir wagen es nicht, uns die motive unseres eigenen handelns einzugestehen. Aus dieser scheu heraus projizieren wir auf mitmenschen und institutionen .... Es ist eine banale wahrheit: Wir blicken den dingen und menschen nicht gern mutig ins auge .... Der erste schritt misslingt meist schon: einzusehen, dass die angst aus einschüchterungen und strafandrohungen der kindheit stammt, dass die realität an den stellen, an denen wir angst zeigen, oft gar nicht so gefährlich ist .... Ist viel angst vor magischen drohungen im spiel, so verdichten sich vorurteile zu den großen tabus .... Das ich anerkennt die tabus als seine ideale. Das ist die list der dienenden vernunft, um das lustprinzip wiederherzustellen

Herrschaftsverhältnisse sind machtverhältnisse und als solche keineswegs an aufgeklärten verstand gebunden. Die uralte gebärdensprache der macht probiert auch in den kompliziertesten gesellschaftsformen noch ebenso wie einst in sippe und horde aus, wer stärker und wer schwächer ist.

Die kunst, vorurteilslogik an echter zu messen, kann aber am erfolgreichsten in der beobachtung des eigenen verhaltens geübt werden .... Wird unlust zu ertragen nicht gelehrt oder wird jeder nonkonformismus mit brutaler strafe bedroht, so ist die vorurteilsbereitschaft schliesslich der letzte ausweg, um reste des lustprinzips zu retten

Wenn gesamtgesellschaftliche prozesse der initiative wenig chance geben, weil die struktur der produktionsverhältnisse die masse der unselbständigen braucht und erzeugt, dann ist, um nur diesen einen punkt herauszugreifen, rivalität nicht mehr im stil der entfaltung von eigeninitiative zu befriedigen, sondern sie wird zu neid und ``bettelhaltung'', wie wir sie bei den nestlingen gegenüber der fütternden elternfigur beobachten

Das überleben von institutionen wie familie, kirche, nation als ordnungshütern kann keineswegs darüber hinwegtäuschen, dass diese gebilde die heute in unseren ländern lebenden menschen zentral nichts mehr angehen

Die abhängigkeit aller ``landeskinder'' von renten und pensionen gibt dem staat die kennzeichen der ur-mütterlichkeit; es wird deshalb auch eine willfährigkeit gegenüber den geboten des staates erwartet, die eher in die kinderstube gehört

Ohne eine in der person des vorbilds unmittelbar erfahrene sicherheit wird kein mensch die größere unsicherheit ertragen lernen, die bewusstes denken heraufbringt .... ``Im kampf um das gute'', schrieb Albert Einstein, ``müssten die lehrer der religion die innere größe haben und die lehre von einem persönlichen gott fahren lassen, das heisst auf jene quelle von furcht und hoffnung verzichten, aus der die priester in der vergangenheit so riesige macht geschöpft haben.'' .... Max Plancks und Albert Einsteins religiosität entstammt nicht mehr dem gewissensgehorsam, sondern dem ``ich-gehorsam''. Unzweifelhaft vollzieht sich hier ein fortschritt zu einer vaterlosen gesellschaft; nicht zu einer, die den vater töten muss, um sich selbst zu bestätigen, sondern zu einer, die erwachsen wird, die von ihm abschied zu nehmen weiss, um auf eigenen füßen zu stehen .... Wenn wir die pathologischen symptome unserer gesellschaft so leidenschaftslos wie die früherer zeit einschätzen, so werden wir zweierlei vaterlosigkeit zu unterscheiden wissen: eine gesellschaft, die den vater verliert, solange die kinder seine rolle für den aufbau ihrer identität bräuchten wie eh und je (und die ohne ihn mutterabhängig auf lebenszeit blieben) - und eine, die den vater besitzt, aber in der die väter eine identität mit sich selbst erreicht haben, die ihnen die lösung vom vatervorbild und vom ausschliesslichen denken in kategorien der vaterschaft ermöglicht. Nur diese gesellschaft kann dann bereiche entwickeln, in denen sie sich als mündig, als selbständig suchend erfährt

Vorurteile setzen der spontanen reaktionsbereitschaft grenzen, geben handlungsanweisungen. Zwar stärken sie nicht die kritischen fähigkeiten des ichs, wohl aber das selbstgefühl, wenn es anerkennung findet in der befolgung dessen, was rechtens, anständig, erwünscht, gesichert, unzweifelhaft, allgemein anerkannt ist .... Das wichtigste vom psychologischen standpunkt aus ist hierbei der vorgang des fremdmachens der objekte, die ein feindliches aber auch idealistisch überhöhtes vorurteil trifft

Der klatsch .... ist gleichsam der clown, der groteske imitator der höheren kunst, mit vorurteilen umzugehen.
Je weniger macht wir in uns verspüren, uns von konventionen befreit verhalten dürfen, desto versteckter der ausweg, auf dem wir uns rächen. Im unauffälligen alltag wird mit kleiner münze bezahlt .... Die ``klatschtante'' gehört zu den funktionären der kommunikationsindustrie. Das spiegelt die konstanz eines zeitlosen bedürfnisses in der anpassung an den prozess der urbanisierung wider. Da nachbarn und passanten mehr und mehr anonym werden, kann man über sie nicht klatschen .... Im grunde ist es gleichgültig, worüber geklatscht wird; hauptsache, es lässt sich ein gemeinsames opfer ausfindig machen .... Die macht des ohnmächtigen ist die üble nachrede .... Und da wir am klatsch so viel freude haben, ist es fraglich, ob wir überhaupt so erwachsen sein wollen, dass wir auf ihn ganz verzichten möchten; zu viel vergnügen ginge dabei verloren

Massen - oder: Zweierlei Vaterlosigkeit
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Da das schicksal der vaterlosigkeit - sowohl im sinne des verlustes erster beziehungspersonen wie im sinne der aufgabe, dem vater zu entwachsen - von den gesellschaften unserer zeit ertragen und gestaltet werden muss und da gesellschaft heute eine gesellschaft von massen ist, wollen wir unsere sozialpsychologischen überlegungen mit dem versuch schliessen, einiges zur klärung des begriffs ``masse'' als einer die affekte bewegenden realität beizutragen ....
Die massengesellschaft mit ihren arbeitsaufforderungen in abhängigkeit, unter ausschluss der spurenhaften, selbstverantwortlichen leistung, schafft ein riesenheer von rivalisierenden, neidischen geschwistern. Ihr hauptkonflikt ist nicht durch die ödipale rivalität, die mit dem vater um die privilegien des genusses von macht und freiheit ringt, bezeichnet, sondern durch geschwisterneid auf den nachbarn, den konkurrenten, der mehr bekommen hat .... Man will aufsteigen - das heisst aber, man will in erster linie vergünstigungen erlangen, nicht verantwortung übernehmen. ``Man muss nur ansprüche haben, aber stellung beziehen, dass muss und möchte man nicht.'' Die hierarchie in betrieb und verwaltung ist keine, die bis in die alten höhen der väterlichen entscheidungsgewalt hinaufreicht [siehe hierzu auch
Hannah Arendt]. Wer dort hinauf geschoben wird, erträgt das meist schlecht. Es ist sehr bezeichnend, dass sich dafür eine signatur gefunden hat: die managerkrankheit. Sie ist weniger eine lokaldiagnose als die beschreibung eines typischen zusammenbruchs unter typischer sozialer belastung.
Die interessierten Agenten
Anlehnungshungriges neidverhalten ist das strukturmerkmal unserer konkurrenzgesellschaft. Es hat durch das entstehen der verwalteten massen das paternistische rivalitätsideal abgelöst .... Von einer solchen identifikation mit einem ordnungsprinzip, das würde verleiht, auch wenn die gehälter spartanisch sind, kann in den industriellen massengesellschaften nicht mehr die rede sein. Der demagoge - es wird immer schwerer, politiker neben ihm zu finden - und der interessenrepräsentant (der mann der ``lobby'') haben solide vorstellungen von dem gewinn, den ihnen der job abwerfen soll; sie selbst fühlen sich nicht verantwortlich, sondern als interessierte agenten von gruppen- oder massenforderungen [siehe hierzu auch Thomas Piketty].

Leistungsanspruch, angst vor überflügeltwerden und zurückbleiben durchdringen den ganzen erlebnisbereich des individuums in der massengesellschaft. Die angst vor dem alter hat panisches ausmass; das alter selbst wird zu einem lebensabschnitt großer verlassenheit ohne reziprozität mit den jüngeren generationen. Es ist eine bittere ironie, dass sich zugleich das durchschnittliche lebensalter um jahrzehnte verlängert hat. Die anstrengung, um jeden preis jung zu bleiben, gehört zu den regressiven charakterzügen. Die ewige jugend ist ein imaginiertes ideal; da die interdependenz nur in der geschwisterrivalität erfahren werden kann, fällt man einfach ohne nachklang aus, wenn man ein gewisses alter erreicht hat. Man möchte leben, ohne zu altern; und man altert in wirklichkeit, ohne zu leben.
Noch scheinbar entfernte verhaltensgewohnheiten verweisen auf die kontaktstörung zwischen den altersstufen. Ein mächtiger trend in jenen kliniken, die als geburtszentren fungieren, zielt auf die rationalisierung der stillperiode. Flaschenstillung ist rascher, gleichförmiger, arbeitsparender als bruststillung. Die große quote von müttern, die leicht durch den betrieb dazu gebracht werden können, ihre säuglinge nicht selbst zu stillen, beweist, dass die zustände stärker sind als das bedürfnis, eine ordnung, hier eine naturbedingte, zu vollziehen. Die auflösung des sozialkontaktes am anfang und am ende der lebensspanne haben die gleiche wirkursache, die narzisstische regression, zu der die zustände in der hauptperiode des lebens - als arbeits- und genussvollzug - herausfordern. Zu den ordnungsverlusten gehört also auch das fehlen eines identitätsmodelles, in dem eine transformation des ichs in ein alterndes enthalten wäre. Die monotonie des berufsdaseins läuft damit nach der pensionierung weiter - im leerlauf. Der ``pensionierungsbankrott'', psychisch und physisch, ist keine naturgegebene alterserscheinung, sondern das produkt gesellschaftlicher bedingungen, die eine selbstentfremdung in der anpassung übermächtig erzwingen. Jedenfalls ist sie offensichtlich mächtiger als die kritischen widerstandsleistungen, deren das individuum fähig wäre - vorausgesetzt, sie fänden als eine alternative die unterstützung der gleichen gesellschaft. Die schrumpfung des affektiven kontaktes nach dem alten menschen hin ist in sich ein entdifferenzierungsvorgang der gesellschaftlichen struktur. Sie gehört zum typus der gesellschaft moderner dauermassen, die eine amnesie für alles nicht homogen funktionierende entwickeln. Die frustrierte kindheit wird vergessen, die existenz des alters verleugnet

Denken ist ein weites feld libidinöser befriedigung; der mensch gibt es nicht ohne grund auf

Die perspektivische täuschung, dass vom blickpunkt eines jeden aus die anderen zur masse gehören, bringt uns wieder zum thema: zur horizontalen aggressionsbereitschaft, zur geschwisterrivalität. Da der moderne mensch tatsächlich in vielen situationen auf anonyme oder fast anonyme andere trifft, die durch keine merkmale einem gesicherten status zuzuordnen sind, die ihm aber den weg in der einen oder anderen hinsicht verlegen, wird er diffus auf aggression gestimmt. Sie wird nur unvollkommen durch manipulierte devisen gerichtet

Der entindividualisierten ``masse'' entspricht auf der herrschaftsseite das ebenso antlitzlose `system' .... Wo ``kein identifizierbarer einzelner'' die macht in händen hält, besteht dem prinzip nach eine geschwistergesellschaft.
Gerade auf diesen zustand ist die gesellschaft nicht vorbereitet. Er hat sich als ein unbeabsichtigtes nebenprodukt der zu höchster zergliederung vorangetriebenen spezialisierung eingeschlichen. Inzwischen ist er zum hauptproblem geworden, dem die produktionsverhältnisse unterzuordnen sind, wenn wir von zuständen zu einer ordnung finden wollen. Denn eine bedrohliche rückwirkung hat die primärgruppe der gesellschaft ergriffen. Die emotionalen beziehungen und die herrschaftsstruktur der familie werden in den stil der unverbindlichen fraternisierung und der einebnung überzeugender rangunterschiede einbezogen ....
Die fortschreitende spezialisierung hat, wie wir früher sahen, zur vaterlosigkeit des ersten grades geführt, zum unsichtbarwerden des leiblichen vaters oder, weniger einseitig pointiert: zur schwächung der ersten objektbeziehungen überhaupt. Der eingriff des technischen routinebetriebes schon in die früheste mutter-kind-beziehung ist nicht weniger folgenreich als das verschwinden des hand-in-hand-handelns zwischen vater und kind. Der zweite grad der vaterlosigkeit löst die personale relation der machtverhältnisse überhaupt auf: Man kann sich, obwohl man sie ungemildert erfährt, ``kein bild'' von ihnen machen. Das vaterlose (und zunehmend auch mutterlose) kind wächst zum herrenlosen erwachsenen auf, es übt anonyme funktionen aus und wird von anonymen funktionen gesteuert. Was es sinnfällig erlebt, sind seinesgleichen in unabsehbarer vielzahl

Die aggressivität wird - etwa beim verfolgen von wettkämpfen - identifiziert entlastet. Wir sollten jedoch an diesem gemeinschaftserlebnis, das in den festen aller zeiten seine vorläufer hat, den ersatzcharakter nicht übersehen. Sicher verweisen feste - mit ihrem großartigen erlebnis, von den realen pflichten des alltags und den allzuscharfen gewissensforderungen entlastet zu sein - auf die bedrückungen, von denen das fest für kurze zeit befreit; und sicher ist dies auch die ökonomische funktion der großveranstaltungen unserer zeit. Ihre häufigkeit, die an keinen natürlichen rhythmus gebunden ist, und die süchtigkeit, mit der ihnen zugesprochen wird, zeugen für ein erhöhtes bedürfnis nach zuständen der nähe, auch wenn es eine anonyme und momentgebundene bleibt. Der mangel an stabiler gewachsenen ersten objektbeziehungen, das kalte klima in den familiengruppen, in denen man sich wenig oder nichts zu sagen und tatsächlich kaum etwas miteinander zu tun hat, lenkt die affektiven erwartungen zu den stimulierenden massendarbietungen

Andere gesellschaftliche einrichtungen können die intimsphäre zwischen mutter und kind niemals gleichwertig ersetzen; urvertrauen erwirbt das kind nur im umgang mit ihr und sonst mit niemandem.
Die schmerzlichen erfahrungen der ambivalenz der gefühle, den ersten konkurrenzkonflikt, der beispielhaft für alle späteren bleibt, erfährt man später im umgang mit mutter und vater; alle substitutionen für sie sind weniger, als diese sein können - wenn nicht deformierendes gesellschaftliches schicksal sie untauglich dazu macht. Es gibt keinen ersatz für die vaterbeziehung. Versteht der vater seine rolle und weist er dem kind die seine an, dann kann es ihm die ansätze zu seiner eigenen planenden weitsicht absehen und auch, wie man fehlschläge erträgt. Der vater muss frustrieren, aber er kann es auf eine nicht ersetzbare weise, in der forderungen versöhnlich bleiben. Es sind die wechselseitigen glückenden gefühlsbindungen zwischen mutter, kind und vater, für welche vater wie mutter die erlebnisvoraussetzungen schaffen, die es ihnen erlauben, erziehend zu fordern und mit den forderungen zu versöhnen.
Die störungsmöglichkeiten in diesem gefüge haben wir zur genüge erörtert. Zu wiederholen bleibt nur, dass eine zentrale aufgabe der gesellschaft darin besteht, sich die einzigartige situation des menschlichen kindes bewusst zu machen. Die zentrale aufgabe für die erkenntnis liegt bei den humanen aufgaben der erziehung. Im ausüben der sozialen verantwortung - als vater, mutter, lehrer, richter und so weiter - müssen wir eines einfühlenden umganges mit dem kind und seiner schicksalhaften position fähig sein. Wissen wir um seine abhängigkeit und tiefste beeinflussbarkeit, dann erfahren wir erst seine nicht entfremdeten bedürfnisse und können unsere führungsaufgabe ahnen, es zum kritischen bewusstsein hinzuführen. Die these in all unseren ideen zur sozialpsychologie ist, dass die gesellschaft sich selbst dazu erziehen muss, alle interessen, die mit diesem erziehungsziel konkurrieren, ihm unterzuordnen

Der versprechende und terroristisch bedrohende massenführer ersetzt nicht eigentlich den vorhandelnden vater; er ist viel eher - so überraschend das scheinen mag - in der imago einer primitiven muttergottheit unterzubringen. Er selbst gebärdet sich dem gewissen überlegen und fordert zu einer regressiven gehorsams- und bettelhaltung heraus, die zum verhaltensstil des kindes in der präödipalen phase gehört. Versagt er, so wird er aufgegeben wie ein unrentabel gewordenes bergwerk; treue kann er nicht wecken, wenn er keine furcht mehr einflößt, keine versprechungen mehr einlöst. ``Ubi bene ..., das langt; der rest des spruches (... ibi patria) ist überflüssig.'' Die bindung an den ``führer'' hat (trotz lautester gelöbnisse) nie die konfliktreiche stufe der gewissensbildung und gewissensbindung erreicht ....
Den vater überwinden wir, im guten, indem wir liebend und verständnisvoll auf ihn als auf einen menschen mit seinen eigentümlichen zügen und schwächen zurückblicken; im schlimmen, indem wir ihm hassend verbunden bleiben, mit dem wunsch, nicht so, sondern anders zu sein. In jedem fall bleibt er in uns, ist spürbarer, bejahter oder gemiedener teil unserer eigenen geschichte

Der Riesmansche typus des ``aussengeleiteten'' .... hat nie feste objektverbindungen erfahren; er ist opportunist, nicht aus schwäche des charakters, sondern weil seine charakterentwicklung überhaupt nicht zur stabilität gediehen ist
[Note by menkaura: cf ``Die Zeit'' vom 03apr2003, p47
Die erhetzung des wohlstandes durch zeitnot (`Intensifikation' wie Marx prägt), offenbart sich in der verdichtung der zeit durch vergleichzeitigung in der `New Economy' und auch im privaten alltagsleben (musik, PC, telephon, zigarette, chips, .... alles gleichzeitig, wo soll da tiefgang, sich einlassen, raum und zeit finden? Dies hatte Karl Marx in `Das Kapital' vorausgesehen: ``Neben das Maß der Arbeitszeit als `ausgedehnte Größe' tritt jetzt das Maß ihres Verdichtungsgrades.'' ]


Dahrendorf formuliert ....: ``Der innengeleitete mensch braucht die demokratie als ein gerüst für den ausdruck seiner interessen, werte und ideen. Der aussengeleitete mensch kann in einer demokratie leben, aber er braucht sie nicht. Er braucht die gesellschaft, und solange die gesellschaft ihm die richtung und die sicherheit gibt, die er in sich selbst nicht findet, ist es für ihn eine relativ gleichgültige frage, wie die politischen institutionen aussehen, in denen er lebt.'' Diese politische indifferenz erinnert uns an den ausgang der Harlowschen versuche mit rhesusaffen; an die liebesunfähigkeit der mit ersatzmüttern aufgezogenen individuen, deren erlebnisvermögen nicht über sie selbst hinausreichte. Liebesunfähigkeit im menschlichen bereich heisst auch unfähigkeit, primäre triebregungen in interessen, in die teilhabe am gesellschaftlichen geschehen umzusetzen, heisst festklammern an den versorgungsquellen und protest, wo sie zu spärlich fliessen, ohne rechenschaft über ein soziales geben und nehmen

Die verantwortung der führung bleibt beim führer, der alles weiss. Das ich der vielen verharrt in infantiler unterschlupfhaltung. Jede verantwortung ist nur delegiert; so sagte z.B. Hermann Göring: ``Ich habe kein gewissen. Mein gewissen heisst Adolf Hitler''

Ohne den prozess der identifizierung kann keine gruppenbildung geschehen .... Identifizierung heisst: Wir errichten das objekt, mit dem wir uns gleichfühlen wollen, in uns. Dazu bedarf es einer aus der vielzahl hervorragenden person. Wer nun zum führer wird, hängt keineswegs allein von überragenden qualitäten einer person ab, sondern mindestens ebenso von den bedürfnissen der gruppe

Nun spielt der gehorsam bei der bildung unseres deutschen nationalcharakters seit je eine überragende rolle .... Nur in der ausnahme, nicht im leitbild erscheint gehorsam in diesem nationalen habitus als ich-``gehorsam'' - in der regel vielmehr als eine synthese aus trieb- und ziemlich ichfremdem moral-gehorsam .... die gehorsamsleistung an sich nimmt den höchsten rang unter den werten ein ....
Schuld, wie wir sie verstehen, ist ein inneres erlebnis, das seine prägung vorwiegend in der jüdisch-protestantischen mittelklasse der europäer gefunden hat. In anderen kulturen zentriert sich das erleben des individuums in situationen, die es mit den gesellschaftlichen geboten in konflikt bringen, in anderen erfahrungen. In der japanischen gesellschaft etwa steht das erlebnis der scham weit im vordergrund. Kollektive verantwortung und kollektivschuld definiert [Margaret] Mead als ``individuelles schulderleben für das verhalten der gruppe, besonders der nation''. Ein solches schulderleben wird es freilich nur dort geben, wo uns der inhalt des gehorsams, der zu schuld führte, zum bewussten erlebnis und zum problem werden kann; wo die gehorsamsfunktion als wert jedem inhalt übergeordnet bleibt, kann schuld oder scham nur aus dem verstoss gegen sie erwachsen. Die gesellschaft muss dem individuum deshalb die möglichkeit geben, sich nach kräften eines konstruktiven ungehorsams bedienen zu dürfen ....
Der sozialorganisation Englands scheint hier eine vereinigung der gegensätze von notwendiger botmäßigkeit und ebenso notwendiger unbotmäßigkeit geglückt zu sein. Dort ist der staatsbürger der gesellschaft in zweifacher weise verbunden: Er fühlt sich persönlich verantwortlich, weil er die freiheit besitzt, seiner kritik jederzeit ausdruck zu geben und ihr etwa durch die wahl eines abgeordneten oppositioneller richtung ins parlament nachdruck zu verleihen. Aber er bleibt darüber hinaus gruppenidentifiziert mit der nation, die sich in der monarchie symbolisiert .... Er könnte, wenn seine regierung durch einen sprecher erklären ließe, wie es etwa die deutsche durch den generalgouverneur für Polen, Hans Frank, tat: ``Grundsätzlich werden wir nur mit dem deutschen volk mitleid haben, mit sonst niemandem auf der welt'' - er könnte sich also niemals von einer solchen erklärung und der verantwortung für die handlungen, die daraus folgten, distanzieren.
.... Schuld ist hierzulande nicht an das unterlassen einer kritischen prüfung geknüpft, sondern allein an die verletzung der gehorsamspflicht .... Kaum je erklärte sich einer für schuldig; schuldig waren nur die oberen, die befehlenden

Wir haben das englische beispiel der doppelten identifizierung als einen noch nicht verbrauchten ordnungsgedanken erwähnt. Er stellt einen kontrast zur doppelten vaterlosigkeit dar. Das system der englischen staatsordnung als oberster ebene der sozialstruktur verbindet die geschwistergesellschaft der erwachsenen bürger mit der erfahrung gemeinsamer verantwortung, die sich symbolisch im königshaus darbietet. Wenn wir .... unter symbol ``eine verdichtete anschauungsform eines erlebnisvollzuges'' verstehen .... konstitutionelle(n) monarchie .... macht .... als symbol die gemeinsame abkunft vom gleichen vater anschaubar. Sie verbürgt eine kollektive identität, die legitimität aller kinder

Es ging uns um die struktur der massengesellschaft und um die frage, von welchem ansatzpunkt aus eine gegenbewegung zur regression ihren ausgang nehmen könnte. Es genügt, wenn dabei klar wurde, dass das warten auf erlösende ``große männer'', mit Samuel Beckett zu sprechen, ein ``Warten auf Godot'' ist

Auch als perverse, als sadisten blieben diese führer im vektor, den das vaterbild deckt; und so ist auch das öffentliche bewusstsein bereit, ihnen eine zwischen bewunderung und entsetzen schwankende anerkennung als makabre größen zu erweisen.
Sehr verschieden davon mutet der unbändige, eindeutige hass an, den sich die idealistischen köpfe, die für ein uniertes rätesystem kämpften, etwa die beiden anführer des Spartakusaufstandes, Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, zuzogen .... Im rätesystem wurde, wie Paul Federn in einer studie schon 1919 sah, ``der sicherheitsgewinn der uralten wunscherfüllung'', von einem mächtigen vater abzuhängen, in frage gestellt. Denn die kinder sind es seit je nur gewohnt, ``unter der zucht des vaters und aus scheu vor ihm sich zu vertragen''

Der vater wird als gewährender und versagender erlebt, die ambivalenz der gefühle wird an ihm ausgetragen und zur (wie weit auch immer glückenden) ordnung gebracht .... Die homosexuelle beziehung zwischen vater und sohn wird von den kulturellen tabus zur sublimierung gezwungen. Diese tabus gehören zu den am tiefsten gesicherten .... Zu den grundaufgaben der sozialisierung des menschen gehört die sichere einübung in seiner geschlechtsrolle; er wird nicht als bisexuelles wesen sozial erkennbar, sonder eindeutig als ein auf seine männliche oder weibliche rolle geprägtes. Aus der psychoanalytischen erfahrung wissen wir ferner, dass diese rolleneinpassung eine viel schwierigere ist, als es nach dem definitiv signalisierten rollenhabitus erscheinen mag .... Das paternistische herrschaftsbild, wie wir es kennen, übt demnach einen entscheidenden einfluss auf die art und weise aus, wie sich die sexuelle identität unter der repression der bisexuellen neigungen bildet. Bricht dieses vaterbild in sich zusammen, wie etwa das der feudalaristokratie und monarchie des ersten weltkrieges, so muss dies eine weit hinter das bewusstsein reichende triebunruhe schaffen. Die als allerstärkste selbstverständlichkeit empfundene rollensicherheit wird durch den verlust der orientierung am vater erschüttert. Die beziehung der söhne untereinander wird intensiviert und um den teil der libidinösen wie aggressiven bindungen an den vater verstärkt.
Offenbar wird die annäherung an eine stärker erotisch getönte beziehung am schlechtesten ertragen, weil ihr die bewusstseinsfernsten bindungen an die geschlechtsrolle entgegenwirken. Statt dessen tritt die neidproblematik mit aller gewalt hervor; sie wird nicht mehr von der vaterautorität gezügelt

Die gesellschaft rechnet zu leicht mit einem domestizierten wesen mensch. Die großen wenden der geschichte beweisen uns, dass nichts an seiner kulturellen anpassung definitiv ist. Es gibt keine humanität von instinktiver qualität .... Die menschliche würde muss früh respektiert werden, wenn sie die richtschnur in verhältnissen bleiben soll, die wir jetzt noch gar nicht kennen

Nachwort und Dank
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Die Lücken, die durch die Zurückweisung von Wahrnehmung entstehen, werden durch Pseudologik verdeckt. Ihre täuschenden Aussagen sind durch eine hohe affektive Besetzung geschützt; an sie zu rühren weckt Missbehagen und oft Angst in einer Stärke, der das kritische Ich nicht gewachsen ist
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